Charlotte Roches Roman Schoßgebete: Ist Ekelliteratur eine Therapie?
Charlotte Roche ist überall. Kaum eine Talkshow ohne sie oder das unglaublich wichtige “Thema” Sex. Artikel in Tageszeitungen, Diskussionen überall, die letzendlich nur einem Zweck zu dienen scheinen: Einer Art Selbsttherapie der Charlotte Roche.
Es gab einmal eine Zeit, da interessierte der Roman, nicht das Privatleben des Autors. Diese Zeit wünsche ich mir zurück, wenn ich die Diskussionen mit Charlotte Roche in den Medien verfolge. Ich wünschte, ich könnte den Roman lesen wie Literatur. Blendet man das Drumherum aus, liest sich Schoßgebete wie eine Satire. Schmerzhaft, nicht leicht verdaulich:Auf die Spitze getriebene Wahrnehmung einer Gesellschaft, die angetrieben wird, von dem verzweifelten Bedürfnis, schneller, besser, stärker zu sein und sich darin verliert. Die Geschichte einer Frau, die besessen ist vom Leistungsdenken.
Satire ist die wirkungsvollste Form der Gesellschaftskritik-wenn man durchschaut, was man da kritisiert, wenn ein Abstand zwischen Romanfigur und Autor besteht. In Interviews sagt Charlotte Roche Sätze wie: “Ich rate jedem Single : Bums jeden, den du finden kannst, dann bleibst du in der Übung.” Das meint sie nicht ironisch, sie steckt mittendrin. Interviews wirken wie Therapiesitzungen, Charlotte Roche will offenbar Aufmerksamkeit und die bekommt sie.
Leistung und Sex
Charlotte Roche definiert sich durch Leistung, oft erzählt sie davon, dass sie Auftritte bei Harald Schmidt akribisch vorbereitet. Sie kommt einem dann vor wie eine Streberin, für die es das Größte ist, ihren Lieblingslehrer zu beeindrucken. Sex ist ihr Lieblingsthema, vielleicht gerade weil es sich nicht kontrollieren lässt. Sex wird für sie zu einer Religion: Kein Ritual wird ausgelassen um dem “Gott” zu gefallen und verzweifelt wird versucht allgemeingültige Regeln für etwas zu finden, das unerklärlich ist und bleibt. Sex als Leistungssport, Beziehungen ohne Seele: Das ist die Welt wie sie Charlotte Roche sieht und in der man es nicht lange aushält. Passagen des Romans “Schoßgebete” , die nicht das Sexleben der Protagonistin mit der Leidenschaft und sprachlichen Gewandtheit eines Kochrezeptes beschreiben, sind literarisch stark, doch leider selten. Entspann dich, Charlotte.